Konflikte lieben lernen mit der Funktionsbrille
Über ein F-Wort, das dir WIRKLICH hilft, wenn du laut F*CK schreien willst
Neulich stand ich in unserer Küche. Nichts Dramatisches, kein Weltuntergang, kein epischer Beziehungskrach. Nur dieser eine Satz, der mich irgendwie traf. Ich rollte innerlich (ok, ein bisschen auch äußerlich…) die Augen, dachte reflexartig sowas wie „War ja klar. Immer das Gleiche.“ Und zack – war sie da, diese typische Enge. Dieser kurze Brainf*ck. Diese Mikrosekunde, in der ich entscheiden kann:
Gehe ich jetzt in den alten Film? Oder setze ich mir eine andere Brille auf?
Zum Glück hab ich sie inzwischen griffbereit: die Funktionsbrille – und hier erfährst du, warum sie zu einem meiner Lieblings-Accessoires geworden ist.
Ohne Brille: Problemfokus
Wenn wir mitten im Konflikt stehen, sehen wir meistens nur eins: das Problem.
Der andere ist zu laut. Zu empfindlich. Zu unzuverlässig. Zu fordernd. Zu kompliziert… Oder wir selbst sind es. Der Konflikt wirkt wie ein Eindringling in unsere heile friedliche Welt, wie eine Störung im System. Ein Beziehungsfehler...ein Zeichen, dass etwas „nicht stimmt“.
Und genau hier geht unser Stress los: Denn wenn Konflikte Fehler sind, wollen wir sie schnell loswerden, diese kleinen nervigen Störenfriede. Manchmal geräuschlos und unauffällig, manchmal laut polternd und mit maximaler Durchsetzungskraft. Hauptsache weg. Aber:
Beides kostet Energie. Und ganz oft auch: Beziehungsqualität.
Mit Brille: Funktionsfokus
Jetzt stell dir vor, du hältst kurz inne, atmest – und setzt dir innerlich ganz bewusst eine Brille auf. Nicht die rosarote...die hat noch nie geholfen…nein: eine, die hilft tiefer & klarer zu sehen.
Und dann stellst du dir die Frage:
"Worauf will mich dieser Konflikt eigentlich hinweisen?"
Nicht: Wer hat recht?
Nicht: Wie beende ich das schnell?
Sondern: Welche Funktion erfüllt das hier gerade?
And this is where the magic happens!
Denn vielleicht zeigt der Konflikt gerade, dass eine Grenze zu lange übergangen wurde. Vielleicht deckt er eine unausgesprochene Erwartung auf. Vielleicht kollidieren auch einfach zwei Strategien zur Bedürfniserfüllung – nicht zwei „schwierige Persönlichkeiten“.
Der Konflikt als Spiegel
Klar, die Funktionsbrille ist oft auch unbequem.
Denn sie richtet den Blick nicht nur nach außen – sondern auch nach innen.
Warum trifft mich dieser „kleine“ Satz so hart?
Warum reagiere ich hier stärker, als es die Situation objektiv hergibt?
Wo kenne ich dieses Gefühl schon her?
Konflikte sind oft wie kleine Zeitmaschinen: Sie holen alte Muster nach oben, alte Sätze, alte Rollen… Vielleicht war ich früher die, die Harmonie sichern musste? Oder die, die immer gelernt hat, dass nur Rückzug sicher ist? Oder die, die kämpfen musste, um gehört zu werden?
Unsere Konfliktmuster sind (auch) biografisch trainiert. Und genau deshalb sind sie auch umtrainierbar. Aber dazu müssen wir sie erstmal sehen.
Diese Funktionen können Konflikte haben
Manchmal hilft es, sich ganz konkret vor Augen zu führen, wofür ein Konflikt stehen könnte. Hier ein paar mögliche Funktionen – nicht als Checkliste zum Abhaken, sondern als Denkimpulse:
1. Klärungsfunktion
Ein Konflikt macht sichtbar, was unausgesprochen geblieben ist: Erwartungen, Werte, Missverständnisse.
2. Grenzschutzfunktion
Er signalisiert: Hier wurde eine persönliche Grenze berührt – oder eine alte ist noch unklar.
3. Bedürfnis-Offenlegungsfunktion
Hinter Ärger, Wut oder Rückzug stehen oft unerfüllte Bedürfnisse, die bisher keinen Raum hatten.
4. Entwicklungsfunktion
Konflikte fordern uns heraus, neue Kommunikationswege oder Bewältigungsstrategien zu lernen und emotional zu reifen.
5. Beziehungs-Tiefenfunktion
Durch konstruktives Streiten kann echte Nähe entstehen – nicht trotz, sondern wegen und MIT der Reibung.
6. Feedbackfunktion
Ein Konflikt zeigt uns etwas über uns selbst: unsere Muster, Trigger, Glaubenssätze.
7. Systemkorrekturfunktion
In Familien, Teams oder Organisationen zeigen Konflikte oft, wo Strukturen, Rollen oder Absprachen nicht (mehr) passen.
Beziehungs-Katalysator statt Beziehungs-Killer
Als Mediatorin beobachte ich immer wieder etwas Spannendes: Lösungsfindungen scheitern selten am Konflikt selbst. Sie scheitern an der Art, wie wir ihn deuten. Wenn ich einen Konflikt als Angriff interpretiere, gehe ich in Verteidigung. Wenn ich ihn als Entwicklungshinweis lese, werde ich neugierig.
Und Neugier verändert alles.
Plötzlich wird der Streit nicht mehr zum Beweis für „es passt nicht“, sondern zur Einladung, etwas klarer zu machen.
Was brauchst du?
Was brauche ich?
Wo reiben sich unsere Werte?
WIE wir streiten, sagt tatsächlich mehr über unsere Beziehung aus als der Streit selbst – davon bin ich überzeugt. Natürlich funktioniert die Funktionsbrille nicht im Vollalarm – daher gilt die Faustregel:
„Regulieren vor interpretieren!“
Wenn mein Nervensystem hochgefahren ist, läuft mein innerer Film eher als „Psychothriller“ als in der Kategorie „konstruktives Drama“ (die gibt’s doch, oder?). In einem anderen Beitrag hab ich beschrieben, wie sehr unser innerer Zustand bestimmt, welche Geschichte wir uns über eine Situation erzählen und darin wird klar:
Erst regulieren.
Dann reflektieren.
Wenn du also wirklich in einer emotionalen Eskalation steckst, kann durchaus erstmal DOCH ein lautes F*CK angemessen und hilfreich sein. (Konkrete Übung / Empfehlung dazu: Tief einatmen, dann so lange wie möglich auf FFFFFFF ausatmen, und wenn du denkst, es geht nichts mehr, schleudere das „…UCK“ so laut wie möglich, katapultiert vom Zwerchfell höchstpersönlich, nach draußen. Wirkt!)
Und dann?
Dann – erst dann – die Funktionsbrille aufsetzen.
Vom Problemfokus zur Gest(H)altung
Ich verspreche dir: Je öfter du diese Brille benutzt, desto mehr verändert sich dein Grundgefühl gegenüber Konflikten. Vielleicht wirst du sie nicht gleich lieben – aber du brauchst sie auch nicht (mehr) fürchten!
Konflikte sind nicht das Problem – unsere Haltung dazu ist es oft. Und die Funktionsbrille hilft, von der Problemfokussierung in die Gestaltungshaltung zu wechseln.
Sorry Leute, dieser Satz ist zentral, daher nochmal, fett und kursiv:
Die Funktionsbrille hilft, von der Problemfokussierung in die Gestaltungshaltung zu wechseln.
Nicht mehr: „Warum passiert mir das schon wieder?“ (oder eine sonstige destruktive Variante…)
Sondern:
„Was will hier gestaltet werden?“
Good News: (Konflikt)Haltung ist trainierbar
Und jetzt kommt der vielleicht wichtigste Punkt:
Das alles ist keine Charakterfrage. Kein Zeichen von „Ich bin halt so.“ oder „Ich kann das nicht.“ Konflikthaltung ist trainierbar, und genau das machen wir zB ab April wieder in meinem Onlinetraining Konflikte & Cocktails: Da mixen wir uns über 12 Wochen Schritt für Schritt unsere Konflikthaltung – mit konkreten Haltungszutaten, Reflexionsraum, Übungsfeldern, Austausch…und einer großen Prise Humor.
Die Funktionsbrille ist dabei nur eine dieser Zutaten und ich liebe es, sie gemeinsam live anzuwenden, ganz alltagstauglich, an den Herausforderungen, die uns gerade beschäftigen…in der Partnerschaft, als Eltern, im Büro…
Vielleicht probierst du es mal aus?
Beim nächsten kleinen Reibungsmoment, der dir begegnet: Kurz innehalten (ggf. ein kleines kurzes F*CK ausatmen…) und dann gedanklich deine neue schicke F-Brille aufsetzen – und dich fragen:
Welche Funktion könnte das hier gerade erfüllen?
Vielleicht ist es ein Hinweis? (Worauf?)
Vielleicht ein Wachstumsimpuls? (Wo darf ich noch wachsen?)
Vielleicht ein Spiegel? (Was spiegelt sich hier grad?)
Vielleicht sind es einfach nur zwei Bedürfnisse, die sich gerade ungeschickt begegnen? (Welche Strategien zur Bedürfniserfüllung gibt es vielleicht noch?)
Und gaaaaaanz vielleicht merkst du dann:
Der Konflikt ist nicht gegen dich, sondern er arbeitet für dich – wenn du ihn lässt – und wenn du ihn mit deinem neuen Lieblings-Accessoire liebevoll betrachtest!

As usual - voller Konfliktliebe,
Christiane
Lust deine Konflikthaltung zu trainieren?
Wenn du deine „Funktionsbrille“ nicht nur theoretisch kennen, sondern praktisch einüben willst, dann schau dir mein Onlinetraining „Konflikte & Cocktails“ an. Dort widmen wir uns über 12 Wochen konkret unserer Konflikthaltung – alltagsnah, reflektiert und mit einer guten Portion Leichtigkeit. Alle Infos & Termine findest du hier: Konflikte & Cocktails
KI-Transparenz-Hinweis
Ich arbeite neben anderen Hilfsmitteln – auch – mit ChatGPT, also Künstlicher Intelligenz. Dabei lasse ich mir zB eigene, noch unsortierte Gedankengänge zusammenfassen oder sortieren, spiele Ideen „hin und her“, lasse mir Vorschläge für Struktur oder verbesserte Verständlichkeit und Klarheit machen oder Gedanken und Thesen kritisch hinterfragen. Der kreative Schöpfungsanteil meiner Texte sowie die Endredaktion liegen weiterhin bei mir – und da werden sie auch bleiben ;-)