Familienberatung Christiane Yavuz Mannheim

Eine Ernährungspyramide für Social Media?

Wie wir Social Media nutzen können, ohne uns – und unsere Kids – zu verlieren

Lesezeit: ca. 5 Minuten

In meiner Arbeit mit Familien gibt es keine einzige, die das Thema Medien nicht irgendwie beschäftigt. Zocken, Bildschirmzeit, Social Media, „gesunder“ Smartphone-Umgang – irgendwann landet das Thema fast immer auf dem Tisch, und eigentlich immer: voller Anspannung. Ich verfolge die aktuelle Social-Media-Verbots-Debatte, beobachte feinfühlig, welche Auswirkungen der heutige Medienumgang auf Familien hat. Manchmal komm ich mir vor, als ob wir alle gerade in ein großes Testlabor gesteckt wurden, Ausgang ungewiss, keine Vergleichsmöglichkeiten vorhanden, denn SO war es ja noch nie!

Unsere Sorgen dahinter sind real und nachvollziehbar. Und trotzdem meldet sich bei mir zunehmend ein Unbehagen. Nicht, weil ich Risiken klein reden möchte – sondern weil die Debatte doch irgendwie an einigen zentralen Fragen vorbeigeht, denn – sorry Leute, aber:

Wir müssen über ein viel größeres, gesamtgesellschaftliches Thema sprechen:

Wie „gesund“ sieht es denn gerade bei uns Erwachsenen aus?

Wenn wir ehrlich sind, erleben viele von uns selbst, dass unser Umgang mit Social Media nicht immer gesund, klar oder nährend ist. Dass wir scrollen, obwohl wir müde sind. Dass wir Inhalte konsumieren, die uns eigentlich interessieren – und uns trotzdem auslaugen. Dass wir schwer abschalten können. Dass wir manchmal selbst nicht so genau wissen, warum wir das Handy gerade in die Hand nehmen.

Vielleicht ist die Frage also nicht nur, ob Kinder Social Media dürfen sollten, sondern auch: Wie haben wir Erwachsenen eigentlich gelernt, gut mit Social Media umzugehen?
Und: Haben wir das überhaupt?

Dieser Text ist deshalb keine Stellungnahme „gegen“ Social Media und auch kein Plädoyer für pauschale Verbote. Er ist eine Einladung, den Blick zu weiten. Weg von Schuldzuweisungen, hin zu Selbstreflexion. Denn nur, wenn wir selbst einen bewussteren Umgang entwickeln, können wir Kindern glaubwürdig Orientierung geben. Aber wie zur Hölle geht dieser „bewusste Umgang“?

Zunächst mal ist eine Erkenntnis hilfreich:

Nicht alles, was wir konsumieren, ist gleich – auch digital nicht

Wir kennen dieses Prinzip aus einem ganz anderen Bereich sehr gut: Unsere Ernährung.
Wir wissen, dass nicht jedes Lebensmittel „schlecht“ ist – aber dass es einen Unterschied macht, wie viel, wie oft und wozu wir etwas essen. Gemüse nährt anders als Süßigkeiten. Beides hat seinen Platz. Entscheidend ist die Menge, die Mischung, das Verhältnis – und der bewusste Umgang.

Übertragen auf Social Media gilt etwas sehr Ähnliches: Nicht jede Scroll-Zeit ist problematisch. Nicht jedes Abschalten ist Verdrängung. Und nicht jede Social-Media-Nutzung schadet uns.

Die entscheidende Frage lautet auch hier nicht: Ob wir konsumieren – sondern wozu?

Genau an diesem Punkt setzt die "Wozu-Pyramide" an:

Sie funktioniert wie eine Ernährungspyramide für unseren digitalen Alltag: Sie unterscheidet nicht zwischen „guten“ oder „schlechten“ Plattformen, sondern zwischen verschiedenen Nutzungsabsichten, lässt sich anwenden auf Social Media, Zocken sowie den Umgang mit Medien insgesamt. Mancher nährt uns, mancher ist neutral, mancher dient eher der Kompensation. So hilft die Pyramide sichtbar zu machen, warum selbst hochwertige Inhalte erschöpfen können, wenn sie im falschen Maß oder ohne Verarbeitungstiefe konsumiert werden.

Eine Ernährungspyramide für Social Media

„Verarbeitungstiefe“? Was ist das? Und warum ist sie wichtig?

Manchmal fühlt sich mein eigener Social-Media-Konsum an wie ein Besuch in einem Drei-Sterne-Restaurant, in dem ich mich benehme, als wäre ich in einem Fast-Food-Laden. Ich sitze sinnbildlich vor feinsten, klug aufbereiteten, inhaltlich wertvollen Gerichten – und schlinge sie achtlos runter. Schnell, viel, ohne wirklich zu schmecken. Ich stopfe mir auf Instagram die wertvollsten Inhalte rein…fundierte Analysen, kluge Haltungsfragen, neues Wissen, berührende Perspektiven, inspirierende Weisheiten. Und gleichzeitig fehlen mir die Zeit und Präsenz, sie wirklich zu würdigen! Das Problem ist also nicht der Inhalt, aber die Verarbeitungstiefe!

Doch wenn wir ehrlich sind, gilt auch hier – wie bei gutem Essen: Selbst das Hochwertigste nährt nur, wenn wir es langsam genug aufnehmen. „Jeden Bissen 20 Mal kauen!“ …schwirrt mir als Faustregel immer noch im Kopf rum…

Die unsichtbare Erschöpfung sichtbar machen

Ist dir schonmal aufgefallen, was in deinem Kopf passiert, wenn du Social-Media-Beiträge konsumierst? Es ist, als ob sich innerlich ständig neue Tabs in deinem Kopf öffnen: Zu jedem Thema, zu jeder Idee, zu jedem Impuls. Viele davon völlig unbemerkt. „Das ist interessant.“ – „Dazu müsste ich mal…“ – „Das merke ich mir.“ – „Das sollte ich vertiefen.“ – „Das war mir neu!“

Die Sache ist: All diese Tabs bleiben offen. Sie werden nicht geschlossen, nicht sortiert, nicht verarbeitet. Und wie bei einem Computer steigt die "innere CPU-Auslastung". Nicht, weil etwas Dramatisches passiert – sondern weil zu viel gleichzeitig im Hintergrund läuft. Das Problem? Uns Menschen fehlt leider die Möglichkeit, einen „inneren Taskmanager“ einfach per STRG+ALT+ENTF zu öffnen!

Viele von uns fühlen sich nach Social Media nicht wegen der Inhalte erschöpft, sondern weil unser Inneres mit der Verarbeitung nicht hinterherkommt.

Warum Zeitbegrenzung allein oft nicht reicht

In der Diskussion um gesunde Mediennutzung geht es häufig um Zeitlimits. Auch das kann sinnvoll sein. Aber ich finde: Zeitbegrenzung allein greift oft zu kurz.

Was ich als deutlich nährender erlebe, ist ein Perspektivwechsel:
nicht die Zeit begrenzen, sondern Menge und Tiefe. Zum Beispiel, indem ich mir vornehme, bewusst nur drei Beiträge zu konsumieren – diese aber wirklich. Ich lese sie aufmerksam, spüre nach, lasse sie wirken. Statt zehn Tabs zu öffnen, schließe ich einen bewusst. Drei gut verdaute Inhalte nähren mich mehr als dreißig, die ich nur streife. Oder: ich entscheide bewusst, jetzt 10 Minuten völlig belanglosen Nonsense zu konsumieren und schalte mein Hirn einfach mal ab. Auch das kann gut tun!

Diese Herangehensweise widerspricht vielleicht dem, was sich die Plattformbetreiber und Social-Media-Architekten so für uns vorstellen. Not very instagrammable, na und?

Es ist nun mal so: Ich kann nicht alles mitkriegen. Ich muss nicht alles wissen. Ich brauche nicht alles konsumieren. Daran können wir uns nicht oft genug erinnern – und gleichzeitig daran, dass wir für unsere Prioritätensetzung verantwortlich sind.

Social Media hat kein Ende. Es gibt keinen Punkt, an dem wir „fertig“ sind. Und je bewusster wir Strategien parat haben, wie wir gesund und souverän damit umgehen können, desto klarer können wir unsere Kids dabei begleiten, solche Strategien von Anfang an mit zu entwickeln. Zum Beispiel, indem wir mit ihnen üben, beim Umgang mit Social Media, Zocken und co. immer schon ein „Wozu?“ mit zu denken.

Der eigentliche Hebel ist das unbequeme A-Wort

Die Debatte um Social-Media-Verbote lenkt leicht davon ab, dass es sich um ein gesamtgesellschaftliches Lernfeld handelt. Eines, in dem wir Erwachsenen mittendrin stehen. Nicht als Schuldige, sondern als Lernende. Letztlich geht es bei der Frage des gesunden Umgangs mit Social Media immer auch um eins: Achtsamkeit. Und welchen Stellenwert wir ihr in unserem (digitalen) Leben geben.

Wenn wir ehrlich bei uns hinschauen, wenn wir unsere eigenen Motive kennen, unser „Wozu?“, wenn wir unsere Kipppunkte bemerken und unsere Nutzung bewusst reflektieren, entsteht automatisch ein wertvoller Nebeneffekt: Vorbildwirkung. Keine perfekte, aber eine ehrliche und transparente. Denn Kinder lernen Medienkompetenz nicht aus Regeln allein. Sie lernen sie aus der Gesellschaft, aus dem gelebten Umgang der Erwachsenen um sie herum.

 

Bevor du das nächste Mal deine Social Media App öffnest, frag dich:

- WOZU tu ich das gerade?
- Fühlt es sich nährend, neutral oder eher nutzlos an?

 

Voller Konfliktliebe,

 

Christiane