„Ich bewundere, wie ruhig du bleibst."
Über Wissensgefälle, stille Hierarchien und Konfliktliebe in der Elternschaft
Einer dieser Morgende...die Kids zanken, Zeitdruck wegen Schule, Kind1 fallen spontan noch die Deutschhausaufgaben ein – und ich mittendrin, einigermaßen ruhig.
Hinterher sagt mein Mann:
„Ich bewundere wirklich, wie du das schaffst."
Ich spüre, wie meine Antwort etwas zynischer ausfällt, als ich es vielleicht wollte:
„Mir hilft halt, dass ich mir über die Jahre einiges angeeignet hab... Entwicklungswissen, Bindungstheorien, Nervensystemzustände..."
Im Klang meiner Stimme schwingt implizit mit: …und DU eher nicht.
Puh.
An diesem Morgen – zum Glück – nutzen wir beide die Gelegenheit als die Kids aus dem Haus sind und greifen die Situation nochmal auf: Ein kurzes, aber klares, konstruktives Gespräch, offen und ehrlich, aber ohne, dass jemand kleiner wird. In diesem Moment spür ich mal wieder, was Konfliktliebe konkret bedeutet: Nämlich nicht harmonisches Miteinander ohne Reibung, sondern die Bereitschaft, Reibung anzusehen, zu benennen – und damit etwas anzufangen.
Wenn einer mehr weiß — und beide darunter leiden
Ob Schwangerschaft, Stillzeit, Autonomiephase, Geschwisterdynamiken, Medienwirkung, Pubertät…viele Mütter beschäftigen sich oft intensiv mit Fragen der Entwicklung, Bindung und Erziehung. Ganz einfach weil es ihnen wichtig ist. Weil sie verstehen wollen, was Kinder wann brauchen – und weil sie Verantwortung übernehmen wollen, die sich für sie ganz selbstverständlich anfühlt. Wir lesen Bücher, scrollen durch hilfreiche Social Media Feeds, bilden und entwickeln uns.
Viele Väter sind dabei, sind präsent, übernehmen Aufgaben, lernen, was es heißt, nicht nur Aufgaben, sondern auch Mental Load gleichberechtigt zu teilen... Und trotzdem entsteht oft eine Lücke – nicht in der Fürsorge, nicht in der Zeit, sondern in der inhaltlichen Tiefe. Im Wissen darüber, warum das Kind, warum man selbst gerade so oder so reagiert. Was dahintersteckt. Was gewisse Verhaltensweisen erklärbar, gewisse Umgangsstrategien notwendig macht. Was das Nervensystem in manchen Momenten wirklich braucht.
Diese Lücke ist kein Vorwurf, aber sie hat Konsequenzen.
Denn wo Wissen ungleich verteilt ist, entsteht zwangsläufig eine stille Hierarchie und Ungleichheit in der Deutungsmacht – wer einordnet, wer erklärt, wer Orientierung gibt. Das Gegenüber gerät dabei in eine reaktive Position, auch wenn das so eigentlich niemand wollte. Mann fühlt sich vielleicht bevormundet. Oder schlicht: nicht auf Augenhöhe. Diese Dynamik kenne ich in meiner Partnerschaft und sie begegnet mir auch in Beratungen oft.
Hilfreich finde ich an dieser Stelle die Erinnerung daran, dass all das keine Frage von Charakter oder gutem Willen ist, sondern eine strukturelle Dynamik. Und sie lässt sich nur verändern, wenn wir bereit sind, sie erst einmal klar zu benennen.
Die Erklärschleife — und die Erschöpfung, die sie mitbringt
Viele Mütter kennen vielleicht diese Phase, auch ich hab sie durchlaufen: Bereitete gut verdauliche Häppchen vor. Schickte einen Link. Erwähnte beiläufig einen Podcast. Formulierte einladend. „Da gibt's diese interessante Folge..." Oder: „Ich hab da noch was gelesen, das fand ich total spannend..."
Ich meinte es gut, wollte Begeisterung teilen…wollte, dass das alles gemeinsam getragen wird.
Und dann, irgendwann, schlich sich die Ungeduld ein. Dann Frust. Und darunter – wenn ich ehrlich hinschaue – oft auch etwas Traurigkeit. Spürbar vor allem: Wut. Und all das – finde ich – mehr als verständlich. All diese Gefühle verdienen erstmal einen Moment Anerkennung, bevor wir weitermachen.
Denn es ist wieder eins dieser Themen, um die wir uns halt kümmern müssen. Wieder etwas, das irgendwie bei uns landet – die Morgenroutinen, die Terminkoordination, die emotionale Temperaturmessung der Familie, und jetzt auch noch: die Weiterentwicklung des Partners? Die Frage, ob er eigentlich schonmal was von Co-Regulation gehört hat??
Das ist nicht nur erschöpfend, das ist auch strukturell ungerecht – also lasst es uns auch so benennen! Nicht als Anklage, aber als (not-so-fun-)Fact. Denn solange wir die Erschöpfung nur fühlen, aber nicht benennen, dreht sie sich im Kreis.
Und hier ist der entscheidende Punkt: Es ist nicht unsere Aufgabe, unsere Partner zur Entwicklung zu animieren. Diese Verantwortung gehört nicht in unseren Tanzbereich.
Vorleben statt erklären — der wirkungsvollere Weg
Mein Mann hat mich an dem Morgen nicht "bewundert", weil ich ihm erklärt habe, was Co-Regulation ist. Er war schlicht beeindruckt, weil er gesehen hat, was sie bewirkt. An einem ganz normalen, stressigen Morgen.
Das ist ein Unterschied, der sich lohnt genauer anzusehen:
Denn solange wir erklären, einladen, animieren – bleiben wir in der Rolle der Vermittlerin. Wir übersetzen, servieren, hoffen, dass es ankommt. Und erschöpfen uns dabei.
Was dagegen tatsächlich wirkt – und zwar nicht als pädagogisches Kalkül, sondern als ganz natürliche Konsequenz – ist: einfach leben, was wir wissen. Die eigene Entwicklung sichtbar werden lassen. Nicht als Demonstration, nicht als stiller Vorwurf, sondern schlicht: als das, was wir sind und wer wir geworden sind. Denn F*ck Yeah - darauf können wir auch mal stolz sein!
Mein Mann hat in diesem Moment nicht einen Podcast gehört oder einen Artikel gelesen. Er hat etwas erlebt. Und das hat mehr bewegt als jeder gut gemeinte Link.
Das entlastet übrigens enorm – wenn ich es wirklich verinnerliche. Denn es bedeutet: Ich muss niemanden mitnehmen. Ich muss niemandem etwas verkaufen. Ich darf einfach meinen Weg gehen – und wer mitgehen will, findet seinen eigenen Grund dafür. Denn den kann ich ihm eh nicht geben. Den muss jeder selbst finden.
„Konfliktliebevoll?“ Was das hier konkret bedeutet
Konfliktliebe heißt nicht, alles nett zu moderieren. Sie heißt manchmal, den Konflikt – oder das, was ihn nährt – überhaupt erst sichtbar zu machen. Mutig anzusprechen, was bisher stillschweigend mitgeschleppt wurde.
In unserem Gespräch an dem Morgen sah das ungefähr so aus:
Den Gap benennen, ohne anzuklagen. Nicht: „Du machst das falsch." Sondern: „Ich hab in den letzten Jahren viel gelernt und das trägt mich. Das ist ein Unterschied zwischen uns – und er hat Wirkung." Das ist schon mutig genug. Und es ist ehrlich.
Die Hierarchie als Tatsache anerkennen, nicht als Schuld. Hierarchie klingt hart. Aber sie entsteht automatisch, wenn die Wissensbasis unterschiedlich ist. Das gemeinsam anzuerkennen war in unserem Gespräch der eigentliche Wendepunkt. Mein Mann konnte das. Aufrichtig. Und wir beide merkten, wie gut uns das tat.
Verantwortung klar benennen, nicht aufbürden, sondern sortieren. Ich kann klar sagen, wozu ich bereit bin: Ich teile, was mich bewegt. Ich öffne Türen. Aber ich bin nicht verantwortlich dafür, dass oder ob mein Partner wächst, dass oder ob er sich Wissen aneignet, dass oder ob er Reflexion genau so geil findet wie ich. Das ist schlicht seine Aufgabe – in seinem Tanzbereich.
Im Konflikt in Verbindung bleiben. Das ist vielleicht das Anspruchsvollste. Klarheit, ohne die Beziehung abreißen zu lassen. Den Gap benennen, ohne den anderen als Projekt zu behandeln. Sich der Situation konfliktliebevoll stellen, sich nicht zurückziehen oder in Angriffs- oder Verteidigungsmodus schalten. Was für ein Gewinn für uns beide an diesem Morgen! Das hat unsere Verbindung nicht geschwächt – es hat sie ehrlicher gemacht.
Was echte Augenhöhe braucht
Augenhöhe ist kein Zustand, der einfach so entsteht. Sie ist etwas, das aktiv gestaltet werden muss – und das nicht gelingt, wenn nur eine Seite die Arbeit dafür tut.
Für echte Augenhöhe in der Elternschaft braucht es nicht nur aktive Fürsorge im Alltag. Es braucht auch aktive Wissensaneignung. Das stärkt Väter. Es entlastet Mütter. Und es schafft eine Basis, auf der Verantwortung wirklich geteilt werden kann, statt still weitergeschleppt.
Konflikte, die aus einem Wissens-Gap entstehen, sind keine Persönlichkeitskonflikte. Sie sind strukturelle Konflikte. Und strukturelle Konflikte lassen sich gestalten – nicht durch endlose Erklärschleifen, sondern durch Klarheit, Verantwortungsklärung und die Bereitschaft, die Hierarchie anzusehen, die sich ganz ohne Absicht gebildet hat.
Das Gespräch mit meinem Mann war kurz. Aber es war unglaublich wertvoll. Weil wir beide bereit waren, hinzusehen. Und weil Konfliktliebe eben manchmal bedeutet: nicht wegsehen, nicht weiterschweigen – sondern mutig und menschlich sagen, was ist.
Drei Fragen für dich:
- - Kennst du diese leise Erschöpfung – das Gefühl, wieder mal für etwas zuständig zu sein, das eigentlich geteilt gehört?
- - Wie klar bist du dir darüber, wo deine Bereitschaft aufhört und die Verantwortung deines Partners beginnt?
- - Was würde es bedeuten, den Gap zu benennen – ohne Vorwurf, aber ohne Beschönigung?
Voller Konfliktliebe,
Christiane
Findest du Reflexion auch so lecker wie ich?
Wenn du Konfliktliebe nicht nur lesen, sondern wirklich üben willst, dann ist mein Onlinetraining Konflikte & Cocktails vielleicht genau das Richtige für dich? Das Programm startet Mitte April - schau gern rein: Konflikte & Cocktails
KI-Transparenz-Hinweis
Ich arbeite neben anderen Hilfsmitteln – auch – mit Claude/Anthropic, also Künstlicher Intelligenz. Dabei lasse ich mir zB eigene, noch unsortierte Gedankengänge zusammenfassen oder sortieren, spiele Ideen „hin und her“, lasse mir Vorschläge für Struktur oder verbesserte Verständlichkeit und Klarheit machen oder Gedanken und Thesen kritisch hinterfragen. Der kreative Schöpfungsanteil meiner Texte sowie die Endredaktion liegen weiterhin bei mir – und da werden sie auch bleiben ;-)