Neue Autorität: Hilfe oder Risiko?
Mein Unbehagen mit der Neuen Autorität
Wie viel „Konzept“ braucht Haltung? Die Neue Autorität wirft viele Fragen auf und vielleicht ist genau DAS die wahre Chance des Konzepts. Aber: fangen wir vorne an.
Seit einer Weile ploppt die Neue Autorität in all meinen Bubbles auf – mal zustimmend, mal neugierig, mal skeptisch, mal ablehnend kommentiert. Bereits während meiner Familienberatungs-Weiterbildung (familylab Deutschland) 2020 setzten wir uns kritisch damit auseinander. In letzter Zeit ist das Konzept nach Haim Omer zunehmend präsent, wird bei Elternabenden vorgestellt, in pädagogischen Weiterbildungen behandelt, manche Schulen, Teams, Stadt- oder Landkreise werden flächendeckend darin fortgebildet.
Weil es auch mir in meiner Arbeit immer wieder begegnet, wollte ich eine für mich stimmige Haltung zu dem Konzept finden – dieser Blogbeitrag ist der Versuch einer Zusammenfassung meiner Reflexionen dazu.
Wenn wir nicht mehr weiter wissen…
Ob im Alltag an Schulen und Kitas oder als Eltern - wir alle, die mit Kindern arbeiten oder sie beim Aufwachsen begleiten, kennen es: Irgendwann kommen wir an einen Punkt, an dem wir uns wünschen, dass jemand einfach sagt, was jetzt zu tun ist. Klar. Schritt für Schritt. Am besten erprobt, und mit der Gewissheit, dass es funktioniert.
Das ist kein Zeichen von Schwäche. Das ist schlicht menschlich.
Und genau deshalb - da bin ich sicher - findet das Konzept der Neuen Autorität so viel Anklang. Denn es verspricht genau das: ein Werkzeugkasten für schwierige Situationen. Handlungssicherheit statt Hilflosigkeit.
Was ist die „Neue Autorität" überhaupt?
Das Konzept wurde vom israelischen Psychologen Haim Omer entwickelt, ursprünglich für Familien in hocheskalierten Konfliktsituationen, und ist zunehmend präsent - in Schulen, Jugendhilfe, Elternabenden, Fortbildungen.
Der Kern: Autorität entsteht nicht durch Macht, Strafe oder Hierarchie, sondern durch Präsenz, Beziehung und Selbstkontrolle. Erwachsene sollen klar positioniert sein, ohne in Machtkämpfe zu geraten. Sie agieren aus Haltung statt aus Reaktion. Sie holen sich Unterstützung statt im Einzelkämpfertum zu verharren. Und: Sie handeln, wo nötig, auch einseitig - nicht um das Kind "autoritär" zu behandeln, sondern weil sie Verantwortung tragen.
Das klingt erstmal hilfreich. Weil manches davon auch hilfreich ist.
Aber was, wenn da ein „Aber“ ist?
Eine Freundin - selbst Sozialarbeiterin, dem Konzept gegenüber eher skeptisch - erzählte mir neulich, wie sie in einer schwierigen Phase mit ihrer Tochter schließlich „einfach mal die Neue Autorität ausprobiert" habe. Aus Verzweiflung, wie sie sagte. Gemeinsam mit ihrem Mann habe sie ein Gespräch mit der Tochter gesucht, ja, sie habe es extra für den Abend vorbereitet und terminiert, weil - so rät die Neue Autorität: „Schmiede das Eisen, wenn es kalt ist!“. Am Abend haben sie dann gemeinsam klare Worte gefunden, die eigene Betroffenheit und Sorge gezeigt, seien ruhig aber beharrlich geblieben. Die Eskalationen mit der Tochter, die die Familie über Wochen belastet hatten, waren seitdem ausgeblieben, es war wieder mehr Nähe, Verbundenheit und Ruhe eingekehrt.
Ich hörte ihr zu und fragte irgendwann: „Und was daran war jetzt Neue Autorität? Alles was du beschrieben hast, klingt für mich nach authentischer, klarer elterlicher Verantwortungsübernahme - zugewandt und auf Augenhöhe."
Sie schwieg kurz. „Ja. Eigentlich schon.", überlegte sie.
Das ist der Moment, um den es mir geht.
Der Bedarf ist real, aber die Illusion auch
Was ich bei Eltern und pädagogischen Fachkräften regelmäßig (und nachvollziehbar!) sehe: Es gibt einen tiefgreifenden Bedarf nach etwas, das Orientierung gibt. Nach Handlungsfähigkeit „im Notfall“, nach einer Schritt-für-Schritt-Anleitung dann, wenn wir gefühlt im Dunkeln tappen. Das ist vollkommen verständlich!
Problematisch wird es aber, wenn Fortbildungsangebote, Landkreise, Schulen auf diesen Bedarf reagieren, indem sie das nächste neue Konzept ausrollen und damit die Illusion weiter befeuern - nämlich, dass so etwas wie Standard-Fahrpläne in der Pädagogik funktionieren. Denn dabei wird - oft unbemerkt - genau das verdeckt, was eigentlich gebraucht würde: die Entwicklung einer eigenen Haltung. Die Bereitschaft, auszuhalten, dass es keine Standardlösungen gibt. Und die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu fragen: Was braucht dieses Kind, diese Situation, jetzt?
Jesper Juul hat das immer wieder betont: Was wirklich trägt, sind nicht Methoden, sondern Werte: Gleichwürdigkeit. Integrität. Verantwortung. Authentizität. Und die lassen sich nicht aus einem Methodenkoffer holen und Schritt 1 - Schritt 2 - Schritt 3 - anwenden. Nein - sie entstehen und wirken in Beziehung, und sie müssen echt gelebt werden.
Wo die Neue Autorität wirklich etwas kann…
Es geht nicht darum, das Konzept pauschal zu verwerfen. Es beinhaltet ja Stärken:
Deeskalation und Selbstkontrolle statt Vergeltung - das ist wertvoll. Präsenz als Haltung statt Machtdemonstration - das ist tragfähig. Das Prinzip, sich Unterstützung zu holen, statt sich im Einzelkämpfertum zu erschöpfen - das ist klug. Und der Gedanke der Wiedergutmachung statt Strafe und Beschämung entspricht dem, was wir über Beziehungsgestaltung wissen.
An diesen Stellen berührt die Neue Autorität etwas Echtes.
…und wo es kippen kann
Das Problem ist aber: Dasselbe Konzept kann - je nach Anwendung - in psychischen Druck und - ja - Gewalt umschlagen. Und das ist der Teil, über den wir sprechen müssen, und an dem sich zeigt, ob hier „Konzepttreue“ die eigene Haltung und echte Auseinandersetzung mit den dahinterliegenden Werten und Bedürfnissen ersetzt, oder ob Haltung das Konzept übertrumpft (auch wenn das mehr „Freestyle“ und weniger Standardschritte erfordert).
Überblick: Chancen und Risiken der Neuen Autorität
Unter familylab-Beraterinnen begegnet uns Omers Konzept inzwischen regelmäßig und meine Herzenskollegin Stephanie Schmiedel hat die Chancen und Risiken der NA-Prinzipien hilfreich gegenübergestellt:
„Nicht diskutieren" ist als Deeskalationsprinzip sinnvoll. Wenn es aber heißt: „Deine Perspektive zählt gerade nicht", wird es zur seelischen Verletzung. Gewaltfrei ist es nur dann, wenn danach auch wirklich ein Gespräch auf Augenhöhe – und damit: Beteiligung stattfindet - nicht irgendwann, sondern verbindlich.
„Öffentlichkeit herstellen" kann als Haltung meinen: Wir schauen hin, wir schweigen nicht. Wenn es aber zur Bloßstellung wird - das Kind als Fall vor der Gruppe, die Eltern als Netzwerk-Adressaten regelmäßiger Defizit-Berichte - dann kippt der Schutzgedanke in etwas, das der Menschenwürde widerspricht.
Das „Sit-In“ - von Omer selbst als „radikale Präsenz" bezeichnet - kann Verlässlichkeit signalisieren. Es kann aber auch einschüchternd wirken, auch ohne körperliche Gewalt. Traumasensibel umgesetzt, zeitlich klar begrenzt und jederzeit abbrechbar: möglicherweise hilfreich. In der falschen Konstellation: übergriffig.
„Helferkreise“ und Berichte können ein echtes Netz sein. Können aber auch Überwachung bedeuten, Defizit-Narration, beschämende Dauerbeobachtung.
Der entscheidende Satz dazu stammt aus rechtlicher Perspektive und ist eigentlich ganz simpel: Gewaltfreiheit meint physische und psychische Gewaltfreiheit. Also: keine Beschämung, keine Drohkulissen, keine soziale Ächtung. Das steht so in § 1631 BGB, und es gilt.
Fünf Prüffragen für die Praxis
Immer wenn das Konzept der Neuen Autorität in der Praxis eingesetzt wird – im Elterngespräch, in der Fortbildung, im Team - sind folgende fünf Fragen unverzichtbar, die Stephanie Schmiedel so auf den Punkt bringt:
- Ist die Würde gewahrt? Keine Beschämung, keine Etiketten, kein Vorführen.
- Gibt es seelischen Druck? Drohkulissen, Ausgrenzungsszenarien, „die Gruppe gegen das Kind" - das sind keine Methoden, das sind Grenzüberschreitungen.
- Ist die Maßnahme verhältnismäßig? So wenig Eingriff wie möglich. So viel Schutz wie nötig.
- Ist Dialog gesichert? Keine Affekt-Diskussionen - aber verbindliche Klärungsformate danach.
- Wird Reintegration ermöglicht? Wiedergutmachung ohne Zwang, ohne Beschämung. Als Beziehungsangebot, nicht als Abarbeitung.
Eine stimmige Haltung zur Neuen Autorität?
Mein Fazit: Auch wenn ich den Drang nach Orientierung und Halt gebenden Prinzipien absolut nachvollziehen kann: Vielleicht brauchen wir die Neue Autorität nicht, wenn wir uns trauen, das auszuhalten, was gute Beziehungsgestaltung immer schon fordert: Präsenz, Haltung, Selbstreflexion. Und die ehrliche Auseinandersetzung damit, was ich vermitteln, wofür ich stehen will, wenn es schwierig wird.
Das lässt sich nicht delegieren. Nicht an ein Konzept, nicht an eine Fortbildung, nicht an einen Schritt-für-Schritt-Masterplan.
Was mich an der zunehmenden Verbreitung der Neuen Autorität wirklich besorgt, ist der Reflex derer, die Konzepte als hilfreiche, Haltungs-ersetzende Lösungen suggerieren und glauben, wenn sie ihre Mitarbeitenden mit Neuer Autorität ausrüsten, ist ihr Job erstmal erledigt - „Sie haben ja jetzt was an der Hand!“
Denn das führt dazu, dass der Kraftaufwand und Unterstützungsbedarf von Eltern und Pädagog:innen für das eigenverantwortliche "Haltung entwickeln und leben", für das Finden von individuellen Lösungen für schwierige Herausforderungen, nicht gesehen und angemessen begleitet wird.
Zudem - und das ist vielleicht die größte und adultistische Gefahr - droht die Stimme des Kindes, seine Perspektive, seine Würde, seine Beteiligung - allzu leicht zur Nebensache zu werden.
Also: Wenn dir das Konzept begegnet - in deiner Schule, in deiner Einrichtung, im Elterngespräch - dann nimm es gern mit als Impuls. Aber prüfe es, frag nach, bring es in Einklang mit deinen Werten. Und vertrau deiner eigenen Haltung.
Hast du Erfahrungen mit der Neuen Autorität – als Fachkraft oder als Elternteil? Ich bin neugierig, wie es dir damit geht. Schreib mir gern an mail [at] christianeyavuz.de
Vielen Dank an dieser Stelle an Stephanie Schmiedel! >> HIER findest du sie und ihre wertvolle Arbeit für die pädagogische Praxis.
Voller Konfliktliebe,
Christiane
Findest du Reflexion auch so lecker wie ich?
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KI-Transparenz-Hinweis
Ich arbeite neben anderen Hilfsmitteln – auch – mit Claude/Anthropic, also Künstlicher Intelligenz. Dabei lasse ich mir zB eigene, noch unsortierte Gedankengänge zusammenfassen oder sortieren, spiele Ideen „hin und her“, lasse mir Vorschläge für Struktur oder verbesserte Verständlichkeit und Klarheit machen oder Gedanken und Thesen kritisch hinterfragen. Der kreative Schöpfungsanteil meiner Texte sowie die Endredaktion liegen weiterhin bei mir – und da werden sie auch bleiben ;-)