Der emotionale Reife-Gap
Über unterschiedliche Entwicklungsstände zwischen erwachsenen Kindern und ihren Eltern – und einen konfliktliebevollen Umgang damit
In vielen meiner Beratungen, Mediationen und Konfliktbegleitungen treffen Generationen aufeinander: nämlich Eltern und ihre erwachsenen Kinder. Dabei beobachte ich oft etwas Ähnliches:
Zwischen vielen Eltern und ihren heute erwachsenen Kindern besteht ein spürbarer Unterschied im emotionalen Reifegrad. Und weil die Welt noch einen weiteren „Gap“ braucht, nenne ich diese Beobachtung den „emotionalen Reife-Gap“.
Als ich meine These neulich in einem Vortrag äußerte, regte sich bei manchen erstmal Unbehagen und Widerstand und das Gefühl, die eigenen Eltern hier in Schutz nehmen zu wollen, dieses Statement, nicht „auf ihnen sitzen zu lassen“ – daher will ich etwas Wichtiges gleich vorweg nehmen:
Diese Beschreibung ist keinesfalls als Vorwurf zu verstehen. Es ist keine Schuldzuweisung, und auch kein „Die eine Generation ist besser als die andere“. Was ich beobachte und beschreibe (und worüber ich dich auch gern zu Diskussion und Erfahrungsaustausch einlade!), ist: In punkto emotionaler Reife gibt es einen Entwicklungsunterschied, der real ist – und der in Beziehungen – vor allem in belasteten Beziehungen! – eine enorme Wirkung entfaltet.
Was ist überhaupt emotionale Reife?
Emotionale Reife bedeutet für mich nicht, immer ruhig, verständnisvoll oder konfliktfrei zu sein. Im Gegenteil. Emotionale Reife zeigt sich eher darin, wie wir mit inneren Spannungen umgehen – mit unseren eigenen und mit denen anderer.
Zum Beispiel darin,
- - Gefühle wahrnehmen und benennen zu können
- - Gefühle auszuhalten, ohne sie sofort abzuwehren, zu bagatellisieren oder anderen zuzuschieben
- - Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen
- - Ambivalenzen auszuhalten („Ich liebe dich – und bin gerade richtig wütend auf dich“)
- - Konflikte zu führen, ohne Beziehung sofort infrage zu stellen
- - Grenzen zu respektieren, auch wenn sie schmerzen
Emotionale Reife ist keine Charaktereigenschaft – sie ist eine erlernte Kompetenz. Und sie entwickelt sich nicht automatisch mit dem Alter.
Warum es diesen Reife-Gap überhaupt gibt
Ich bin aktuell 46, meine Eltern werden dieses Jahr 70 bzw. 80. Die Menschen, die ich häufig in ihrer transgenerationalen Beziehungsgestaltung begleite, bewegen sich in ähnlichen Altersgruppen: Die Kinder-Generation so zwischen 20 und 50 – die Eltern-Generation zwischen 60 und ü90 (mein bislang ältester Kunde bewegte sich gerade auf die 100 zu…)
Persönlich fühle ich mich also der „erwachsenen Kindergeneration“ zugehörig und kann sagen: Viele unserer Eltern sind unter Bedingungen aufgewachsen, die emotionale Reife im heutigen Sinne – sagen wir mal – nicht wirklich begünstigt haben.
Gefühle galten als privat, störend, schwach oder schlicht irrelevant, solange man „funktionierte“. Anpassung, Durchhalten, Loyalität, Harmonie und Pflichterfüllung waren oft wichtiger als Selbstwahrnehmung, emotionale Sprache oder innere Klärung. Unsere Eltern mussten oft selbst früh lernen, ihre Gefühle zu regulieren, indem sie sie wegschoben.
Die heutige Generation erwachsener Kinder hingegen…
- - spricht zunehmend eine Sprache der Gefühle
- - sagt sich Sätze wie „Alle Gefühle dürfen sein“
- - versteht, dass die Verantwortung für die eigenen Gefühle nicht „übertragbar“ ist
- - hat Zugang zu (und nutzt!) Therapie-, Coaching- und Reflexionsräumen
- - beschäftigt sich mit Bedürfnissen, Nervensystemen, Bindung und emotionaler Selbstverantwortung
Das Ergebnis ist kein moralischer Unterschied – sondern ein entwicklungsgeschichtlicher. Und genau dieser Unterschied prallt in Beziehungen zwischen Generationen oft aufeinander.
Wie sich der emotionale Reife-Gap zeigt
In der Praxis zeigt sich dieser Gap konkret zum Beispiel so:
- - Eltern fühlen sich schnell angegriffen, kritisiert oder beschämt
- - Gespräche kippen leicht in Abwehr, Rechtfertigung oder Schuldumkehr
- - Es fallen Sätze wie „War das wirklich so schlimm?“ oder „Das hast du falsch verstanden.“
- - Erwachsene Kinder versuchen zu erklären, zu übersetzen, zu vermitteln – und fühlen sich am Ende leer und erschöpft
- - Konflikte drehen sich im Kreis oder führen zu Rückzug, Funkstille oder innerer Distanz
Viele erwachsene Kinder spüren dabei etwas, das sich anfühlt wie:
„Ich kann emotional weiter gehen als mein Gegenüber – aber irgendwie treffe ich dort niemanden.“
Dieses Empfinden ist nicht nur schmerzhaft, sondern oft zutiefst verunsichernd. In meinem >Buch beschreibe ich diesen Schmerz, diese Wehmut als Teil einer gewissen „Maternostalgie“ – also der Sehnsucht danach, bedingungslose Mütterlichkeit und Anerkennung zu erfahren, wie man sie als Kind gebraucht hätte oder sich als erwachsenes Kind immer noch wünscht.
Ein Perspektivwechsel, der entlasten kann
Ich möchte dir jetzt einen Gedanken mitgeben, der in meinen Augen viel Potenzial hat – auch wenn er erstmal vielleicht irritiert. Und er wird dir besonders eindrücklich, wenn du aktuell neben deiner Kindrolle gleichzeitig auch in der Elternrolle steckst, also selbst gerade Kinder beim Aufwachsen begleitest: Denn im Umgang mit unseren Kindern ist es für uns doch inzwischen selbstverständlich, ihren Entwicklungsstand zu berücksichtigen, oder?
Das nehme ich zumindest in meinen Familienberatungen oder Elternkursen wahr, in denen ich mit den Eltern nach bedürfnisorientierten Wegen suche, um den stressigen Familienalltag zu wuppen. Das Einbeziehen des individuellen Entwicklungsstand des Kindes ist dabei unverzichtbarer Bestandteil, denn nur so lassen sich individuell passende Strategien des „be-elterns“ entwickeln.
Wir fragen zum Beispiel:
- - Was kannst du gerade schon (emotional)?
- - Was überfordert dich?
- - Was brauchst du an Unterstützung oder Co-Regulation?
Wir erwarten von Kindern nicht, dass sie emotional „weiter“ sind, als sie sein können. Mir scheint, bei unseren Eltern hingegen tun wir genau das oft: Wir hoffen auf Einsicht, Reflexionsfähigkeit, Perspektivwechsel, Verständnis, emotionale Verantwortung…ohne zu prüfen, ob diese Kompetenzen für sie überhaupt verfügbar sind.
Wir „be-eltern“ also emotional kompetent. Was wäre also, wenn wir auch genauso emotional kompetent „be-töchtern“ würden, also: uns den gleichen Blickwinkel auch unseren Eltern gegenüber erlauben? Oder klarer gefragt (Danke, ChatGPT!):
Wenn du den Entwicklungsstand deines Kindes berücksichtigst –
wäre es nicht konsequent, auch den emotionalen Entwicklungsstand deiner Eltern zu berücksichtigen?
Nicht, um dich kleiner zu machen. Nicht, um Verletzungen zu relativieren. Sondern schlicht, um in der Beziehungsgestaltung realistischer zu werden?
Berücksichtigen heißt nicht: ertragen
Dieser Punkt ist mir wichtig, und bestimmt hast du schonmal diesen Satz gehört: Verstehen heißt nicht, einverstanden zu sein. Den emotionalen Reifegrad deines Gegenübers zu berücksichtigen, heißt also nicht, alles hinzunehmen! Akzeptanz ist nicht gleich Resignation (auch dazu schreibe ich in > „Tochter sein auf Augenhöhe“).
Im Gegenteil:
Emotionale Reife zeigt sich oft gerade darin, dass wir
- - unsere Erwartungen anpassen
- - unsere Grenzen klarer ziehen
- - Gespräche bewusst wählen oder auch lassen
- - Verantwortung dort lassen, wo sie hingehört
Manche Gespräche sind mit bestimmten Menschen, in bestimmten Phasen nicht möglich – egal, wie gut wir vorbereitet sind oder wie „lehrbuchartig“ wir in Ich-Botschaften sprechen. Emotionale Reife trumpft Kommunikation. Das anzuerkennen kann weh tun, es kann aber auch enorm entlasten.
Konfliktliebevoll mit dem Reife-Gap umgehen
Ein konfliktliebevoller Umgang mit dem emotionalen Reife-Gap könnte zum Beispiel heißen, sich folgende Fragen zu erlauben:
- - Was kann mein Vater / meine Mutter emotional gerade – und was nicht?
- - Welche Gespräche lohnen sich – welche nicht?
- - Wo höre ich auf, mich erklären zu wollen?
- - Wie viel Nähe tut mir gut – unabhängig von Erwartungen?
- - Wie kann ich klar bleiben, ohne auf Verständnis zu hoffen?
Das ist keine Kapitulation und kein Aufgeben, sondern erwachsene Beziehungsgestaltung.
Ein abschließender Gedanke
Vielleicht bedeutet emotionale Reife für erwachsene Kinder nicht, von unseren Eltern endlich das zu bekommen, was wir gebraucht hätten. Für mich bedeutet sie, zu erkennen, was realistisch möglich ist – und was nicht. Und auf dieser Basis Beziehungen so zu gestalten, wie es uns heute – im Hier und Jetzt – emotional gut tut.
Und weil ich (wie du bestimmt inzwischen weißt ;-)) Konfliktliebe praktiziere, will ich den Gedanken noch erweitern:
Der „Reife-Gap“ ist kein reines Generationen-Thema (denn Reife verläuft nicht linear und nicht automatisch „von alt nach jung“). Er ist ein Beziehungs-Thema. Er taucht überall auf – in Partnerschaften, Freundschaften, Teams… Und manchmal sind nicht „die anderen“ unreif – sondern wir selbst sind gerade an einer Stelle, an der wir (noch) keine Kapazität haben.
Konfliktliebe heißt dann: weniger bewerten, mehr verstehen. Nicht „Wer hat recht?“ – sondern: Was ist bei jedem von uns gerade emotional möglich?
Wenn du liebevoll auf den Entwicklungsstand deines Kindes schauen kannst –
wie verändert sich dein Blick, wenn du das auch bei deinen Eltern tust?
Voller Konfliktliebe und gespannt auf Resonanz zu diesem Beitrag,
Christiane
KI-Transparenz-Hinweis
Ich arbeite neben anderen Hilfsmitteln – auch – mit ChatGPT, also Künstlicher Intelligenz. Dabei lasse ich mir zB eigene, noch unsortierte Gedankengänge zusammenfassen oder sortieren, spiele Ideen „hin und her“, lasse mir Vorschläge für Struktur oder verbesserte Verständlichkeit und Klarheit machen oder Gedanken und Thesen kritisch hinterfragen. Der kreative Schöpfungsanteil meiner Texte sowie die Endredaktion liegen weiterhin bei mir – und da werden sie auch bleiben