Familienberatung Christiane Yavuz Mannheim

Blog Beitrag 02

Warum ich eine Vektorielle Größe bin?

Lesezeit: ca. 4 Minuten

Ich fand Mathe in der Schule immer so mittel-spannend. Irgendwie hat es mich fasziniert, weil (wenn ich es erstmal geblickt hatte…) alles so beruhigend logisch war, andererseits fehlte mir wohl die Geduld mich richtig reinzufuchsen. Eine Sache hat sich in meinem gesunden Halbwissen eingenistet: die Eigenschaften von Vektoren. Gleich vorweg: Ich erhebe nicht den Anspruch, jetzt korrekte mathematische Erklärungen zu beschreiben, also sorry, falls ich hier Vergleiche anstelle, die nicht ganz tragfähig sind. Aber ich finde folgende Vorstellung irgendwie hilfreich – und wenn sie den ein oder anderen Anstoß liefert – wunderbar!

Also:

Warum ich eine Vektorielle Größen bin:

Vielleicht ahnt schon jemand, worauf ich hinaus will, denn: Vektorielle Größen haben einen RICHTUNGSCHARAKTER. Bitte was? Jawoll. Einen Charakter mit eingebautem Richtungsdrang. Genial, oder? Ich hab das (ganz grob) nochmal nachgelesen: Als vektorielle Größe (sowas wie Kraft oder Geschwindigkeit) bin ich also – im Gegensatz zur skalaren Größe (sowas wie Druck oder Masse) – abhängig von einer Richtung. Und irgendwie gibt mir dieses Bild im Alltag ganz oft Orientierung und hilfreiche Impulse. Denn ich kann in leicht kniffeligen bis hin zu extrem Stressbeladenen Situationen des (Familien)Alltags mein Handeln und meine Reaktionen immer anhand der RICHTUNG betrachten, anstatt mein Verhalten an einer fixen allgemeingültigen Größe zu messen.

Dieses Bild hilft mir zu verinnerlichen, dass nicht Perfektion das Ziel ist, sondern die Richtung, die mein Verhalten hat, und ob ich mich an den für mich relevanten Werten orientiere.

Aber mal ganz praktisch – wie genau soll es helfen, sich wie ein Vektor zu fühlen (außer, dass ich mir die ganze Zeit einen plöden Pfeil über meinem Kopf vorstelle)?

Wenn ich drohe in Verhaltensmuster zu fallen, die ich eigentlich ändern/durchbrechen will, weil ich weiß, dass sie weder mir, noch der Beziehungsqualität zu meinen Mitmenschen gut tun (z.B. genervt auf die Kinder reagieren, den Partner belehren wollen, dem Supermarktkassierer ungeduldige Blicke zuwerfen, mich selbst mit innerer Kritik beschießen…), halte ich kurz inne (das lässt sich trainieren!) und besinne mich auf meinen Richtungscharakter. *fulminante Geigen und ein Engelschor erklingen*. Will heißen:

Blick durch’s Fernrohr: an welchem Wert, an welcher idealen Zielvorstellung orientiere ich mich bei meiner Reaktion, bei meinem Handeln, bei meinen Gedanken?

Also mal am Beispiel morgens aus dem Haus kommen: Zwei Kindergartenkinder fertig machen birgt 100-prozentiges Ausrast- und Ungeduldsrisiko (bei mir zumindest) – aber woran orientiere ich mich in den „Trigger-Momenten“ (Jetzt aber WIRKLICH Schuhe anziehen/Zähne putzen/Corona-Schnelltest machen…)? An der absoluten Pünktlichkeit um jeden Preis? An einem reflexartigen „Das ist halt jetzt so.“? Am Anspruch, nicht mit Zu-spät-kommen aufzufallen?

Oder mache ich mir bewusst, was vielleicht dahinter liegt?

Bin ich einfach erschöpft und sehne mich nach Ruhe und Zuverlässigkeit? Orientiere ich mich an der Vorstellung, wie ich meine Kinder gern begleiten, was für ein Vorbild ich ihnen sein will? Nämlich wie jemand, der sie und ihre Bedürfnisse (ebenso wie mich und meine Bedürfnisse) sieht und anerkennt. Jemand, der nicht bei den Kindern die Verantwortung ablädt für eine Lebensgestaltung, die ich (wir als Eltern) für uns als Familie so entschieden habe. Jemand, der nicht das Kind dafür falsch macht „zu trödeln“ oder noch spielen zu wollen, sondern das Bedürfnis dahinter erkennen und wahrnehmen will. Und dann offen nach Lösungen sucht, die diesmal, genau in dieser Situation, für uns passen. Und die können sooo vielfältig und kreativ sein! (…was übrigens eine meiner größten Herausforderungen an der Elternschaft ist: Kreativität und Flexibilität – aber dazu braucht es eigentlich einen eigenen Blogartikel...)

Im Coaching, vor allem aus der existentiellen Richtung, sind es die „Everest-Ziele“, die bei Entwicklungsprozessen Orientierung liefern. Es geht gar nicht darum, sie zu erreichen, doch in all meinem Handeln, bei allen – kleinen und großen – Entscheidungen, die ich treffe, zeigen sie mir den Weg und liefern Orientierung und Sicherheit. So gesehen das gleiche Prinzip.

Jetzt also noch ein paar Gedanken zum Dasein als vektorielle Größe, die ich mir angewöhnt habe:

• Ich bin eine vektorielle Größe und strebe stets danach, mich IN RICHTUNG MEINER WERTE zu bewegen.

• Je reflexartiger ich mit diesem Bild im Kopf agiere, desto leichter und schneller finde ich Orientierung und Lösungen in Stresssituationen.

• Ziel ist nicht, den Orientierungswert an sich zu erreichen. Allein, dass ich mich an ihm bewusst orientiere, beeinflusst meine ganze Art und Ausstrahlung. (Oder – vielleicht etwas kitschig ausgedrückt: meine Werte sind für mich Orientierungssterne und leuchten mir den Weg.)

• In „kritischen“ Momenten: kurz innehalten und fragen: Wie würde ich mich verhalten, wenn ich ganz gemäß meinen Orientierungswerten handeln würde?

• Und das Wichtigste: Jeden Millimeter in die gewünschte Richtung FEIERN! Stolz drauf sein! Richtig nachspüren, wie megamäßig es sich anfühlt, sich in Richtung von und im Einklang mit den eigenen Werten zu verhalten.

 

Und ja – ich weiß, manchmal MUSS es die Orientierung an der absoluten Pünktlichkeit sein (Termindruck etc., oder auch weil es mir einfach wirklich wichtig ist…) – aber wenn mir dann genau DAS klar ist, dass ich – aus Gründen! – den Wert der Pünktlichkeit in dieser Situation über die anderen Werte stelle, mache ich immer wieder die Erfahrung, dass diese Haltung direkt positiv auf die Beziehungsqualität ausstrahlt – sowohl zu mir selbst, als auch zu den Menschen um mich rum.

Wichtig ist mir noch eine Anmerkung:

Vektorielle Größen sind genau so ok, wie und wo sie sind. Die Tatsache, dass sie permanent in eine Richtung streben, heißt nicht, dass sie „ungenügend“ sind, so lange sie „nicht am Ziel angelangt sind“ – NEIIIIN!! Genau das NICHT! Das IST ja das Geniale am Richtungscharakter! Der kommt nie an! Das „Streben nach“ ist seine Natur! Und genau da wo er gerade steht auf seinem persönlichen Weg ist er genau richtig.

Puh – fast schon philosophisch hier, gell? Bevor das Überhand nimmt bewege ich mich mal schleunigst mit meinem Pfeil aufm Kopf in Richtung Kaffeepresse und mache eine Pause.

Danke für dein Interesse an meinem Blog! Und darüber schreibe ich: Über die Herausforderungen des Familienalltags und wie ich sie Schritt für Schritt mit meinen Lieblingstools wie Bedürfnisschlüssel und Beziehungsbrille gestalten kann. Immer wissend, dass der Entwicklungsprozess und das In-Verbindung-Sein mit mir selbst und meinen Herzmenschen für mich (v.a. als vektorielle Größe) die wichtigsten, immer gültigen Ziele sind.


“One of our biggest freedoms is how we react to things.”

Aus: 'The Boy, the Mole, the Fox and the Horse' von Charlie Mackesy